Das Dilemma der Linken

Warum sich die politische Linke erneuern muss.

Die historische Linke wurde abgelöst von politischen Profiteuren der Armut anderer. Die heute als links definierte Politik ist die Fortführung des Kapitalismus mit anderen Mitteln und zeichnet sich vor allem aus durch die Unterlassung der politischen Bildung der angeblichen Adressaten linker Politik bei gleichzeitiger propagandistischer Überzeugungsarbeit für entweder eine Notwendigkeit der Akzeptanz sozialfeindlicher Politik oder die Akzeptanz der Machtlosigkeit des Einzelnen zu Veränderungen.

»… gewiss, dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen, …« – Auszug aus der Präambel der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft

Die Organisation der politischen Linken besteht heute einzig und allein in der Besetzung linker Positionen, bei gleichzeitiger Verweigerung gegenüber einem Systemwechsel. Was und wer links ist, bestimmen ausschließlich die vom politischen status quo zur Ausübung von Bestandteilen der politischen Macht zugelassenen angeblich linken Politiker.

Grundlage dieser Irreführung von politisch eher links orientierten Menschen ist das eherne Festhalten am Anspruch zur Rettung der Welt, als moralischer und gleichzeitig unerfüllbarer Ausgangspunkt, und der gleichzeitigen Vernachlässigung der Lösung von unmittelbaren sozialen Problemen im eigenen Land. Dies mündet in dem Motto: Wir würden, wenn wir könnten, aber wir dürfen ja nicht.

Und wenn man dann doch mal darf, zeigt sich ganz schnell: Es ist nicht alles links, was sich als links bezeichnet. Man schaue nur nach Berlin. Und auf wessen Kosten geht das Ganze? Auf Kosten der klassisch eher im politisch linken Spektrum verorteten Menschen, nämlich diejenigen, deren Recht auf soziale und damit gesellschaftliche Teilhabe immer wieder in Abrede gestellt wird.

Und während die politische Rechte ihre Kundschaft bei deren sozialen Urängsten abholt und im sozialen Ausschluss anderer vereint und so dem Einzelnen Rettung verheißt, verlangt die politische Linke, dass man sich unter ihren politischen Definitionen des Notwendigen bedingungslos vereint und seine sozialen Urängste hinten anstellt und sogar als individuell und damit egoistisch und damit irgendwie rechtslastig anerkennt. Und das Notwendige ist immer die Rettung der Welt, nie die Rettung des Einzelnen. Die soll sich irgendwie automatisch aus der Rettung der Welt ergeben.

Die Rechte organisiert sich in Massen mit der Verkündung der Rettung des Einzelnen, während sich die Linke im Einzelnen mit der Verkündung der Rettung der Massen zu organisieren sucht.

Beide politische Richtungen propagieren: Einigkeit macht stark! Und beide schließen diejenigen aus, welche – nach ihrer Definition – nicht zu ihnen gehören sollen. Das Ergebnis ist eindeutig Trennung.

Ein bedeutender Unterschied zwischen der heutigen politischen Rechten und Linken ist jedoch in deren politischer Organisationsfähigkeit zu suchen.

In dieser Hinsicht ist die politische Rechte heute weitaus besser aufgestellt, da deren Zielgruppe im Einzelnen nicht die politische Deutungshoheit aller Probleme im Ganzen beansprucht, sondern sich hinter der jeweiligen Weltanschauung ihrer Führer sammelt, welche in der Regel auf der Definition eines singulären Problems (oft eines angeblichen Zuwanderungsproblems) der Gruppenmitglieder besteht, welches oft durch den Ausschluss anderer Menschen (Zuwanderer) von den Privilegien der Gruppenmitglieder gelöst werden soll, während andere bestehende, z.B. soziale Probleme einfach ausgeblendet und demnach nicht gelöst bzw. mit der Privilegienverweigerung anderen gegenüber als insgesamt gelöst betrachtet werden. Dies führt zu grundsätzlich kollektivistischem Verhalten auf der Grundlage von ausschließlich für die Gruppe definierten Privilegien, welches demnach das Verhalten der Gruppe als ausschlaggebend für das Verhalten des Einzelnen ansieht.

Anhänger der politischen Linken hingegen wähnen sich heute in der Regel als heldenhafte Einzelkämpfer gegen den Rest der Welt und für die Lösung aller Probleme aller Menschen und vernachlässigen darüber einfach die dazu benötigte politische Organisation. Jeder versteht sich als Teil einer linken Bewegung, einfach weil man links ist, und vernachlässigt darüber oft die gemeinschaftliche politische Organisation, wenn diese nicht alle Problem aller Menschen zu lösen geeignet ist. Dies führt zu grundsätzlich individuellem Verhalten, welches demnach das eigene Verhalten als ausschlaggebend für das Verhalten der Gruppe ansieht.

Beiden politischen Lagern ist weiterhin die für eine Sammlung der eigenen Zielgruppe an der Wahlurne notwendige Vereinfachung der Darstellung komplexer Geflechte von Ursachen und Wirkungen im Weltgeschehen zu eigen. Der Unterschied liegt jedoch in der Adresse der Kommunikation der entsprechenden Darstellung des Weltgeschehens und der eigenen Ansprüche zu dessen Beeinflussung: Während die politische Rechte ausschließlich die echten Rechten retten will vor den Gefahren des Lebens und dabei dem Motto folgt: Wir zuerst!; beansprucht die politische Linke nichts weniger als die Rettung aller Menschen bis auf diejenigen, welche sich eher rechts verorten oder von links dem rechten Spektrum zugeordnet werden.

Ein solcher Anspruch zur Rettung (fast) der (ganzen) Welt ist an sich zunächst nicht verwerflich oder schädlich. Verwirrend wird es jedoch, wenn dabei gegen den aktuellen Willen der so Zwangsbeglückten verstoßen wird, indem man es sich zur Lebensaufgabe macht, alten Frauen über die Straßen des Lebens zu helfen, ohne zu fragen, ob alte Frauen auch wirklich auf die andere Straßenseite wechseln wollen. Man geht oft ganz schlicht davon aus, dass bereits das eigene Weltbild die zu rettende Welt sei, und demnach, auch ungefragt, unterschiedslos für jeden gerettet werden müsste. Und schon sieht man linke »Chaoten« zuhauf zwischen Straßenseiten alte hilflose Frauen über die Straßen schleifen, während rechte »Chaoten« an den Straßenrändern stehen und skandieren: Ausländer raus!

Der daraus entstehende Eindruck ist, dass das rechte Lager wesentlich besser organisiert ist, auch wenn es sich dabei bloß um kollektives Herumstehen und Skandieren handelt, während die linken Weltverbesserer einen ziemlich lächerlichen und vor allem unorganisierten Eindruck machen, wenn sie so ziellos herumspringen, um alten Frauen über die Straße zu helfen, gegen deren Gegenwehr sie sich zur Wehr setzen müssen, denn alle müssen gerettet werden.

Und spätestens ab dem Moment, in dem sich keine alten Frauen mehr auf den Straßen befinden, weil alle, auch gegen ihren Willen, fein säuberlich an den vom rechten Lager besetzen Straßenrändern und Gehwegen abgelegt worden sind, wird dem vorurteilsfreien Betrachter klar, dass das Konzept der Linken irgendwie widersprüchlich ist und dieser Widerspruch vom Lager der politischen Linken nicht nur nicht zu lösen ist, sondern verursacht worden ist. Denn die einfache Frage als Konsequenz lautet: Wollen wir jetzt die Rechten auch retten oder gelten diese als gerettet, weil sie bereits am Straßenrand stehen?

Beide Optionen führen zur Aufgabe der eigenen Positionen. Im ersten Fall muss man den politischen Feind als rettungswürdig akzeptieren und im zweiten Fall als gleichgültig im Wortsinne. Und plötzlich merkt man, dass man als Linker allein mit allen anderen Weltrettern auf der Straße, im selbst erklärten Feindesland steht, und alle anderen an den jeweils rechten Rand gebracht hat.

Was ist die Grundlage der politischen Strömung, welche heute als links bezeichnet wird? Dazu erinnern wir uns einfach an den letzten Satz des Manifests der Kommunistischen Partei als Mutter aller heute linken Strömungen: »Proletarier aller Länder, vereinigt euch!«

Und egal, wie sehr sich auch »realpolitische« linke Gruppen vom Kommunismus zu distanzieren versuchen, sei es Die LINKE oder auch die SPD, niemand kommt an dieser Aufforderung vorbei, will er links blinken. Stalinismus und Stasi als Wirkungen eines durchaus falsch verstandenen und/oder recht eigenwillig umgesetzten oder bloß propagierten aber nie realisierten Kommunismus hin oder her; die Abwendung von dieser Aufforderung käme der Aufgabe der linken Position gleich. Und hier liegt ein weiterer Hase im Pfeffer:

Die politische Linke hat sich nämlich bereits von dieser Forderung abgewendet!

Man gibt zwar noch vor, die Arbeiterschaft zu vertreten, beteiligt sich aber fleißig an deren Auslöschung und möchte eigentlich auch gern auf die Arbeiter verzichten, denn diese gehören, mit Hilfe der Linken, zu einer aussterbenden Art. Und wer will schon Verlierer zum Freund haben? Keiner, der seine politische Zukunft in der Zukunft verortet.

Und was bleibt politischen Parteien, deren Zielgruppe auf den Sterbebett liegt, übrig, wenn sie sich mangels Masse nicht auflösen wollen? Das Wildern in fremden Revieren.

Und so ist es aufgrund des politischen Überlebenswillens der als Politiker bezeichneten Akteure in diesen politischen Parteien nur folgerichtig, dass diese den Versuch unternehmen, ihre Restbestände an Mitgliedern davon zu überzeugen, dass Koalitionen mit dem rechten Lager oder zumindest mit dessen Forderungen notwendig seien, um angeblich die Vereinigung der Proletarier aller Länder voranzutreiben. Der so erzeugte Unsinn ist mit Worten nur noch schwer zu erfassen.

Tatsache ist, dass die ursprünglichen Adressaten der politischen Linken aussterben und es ihren marginalen Restbeständen in Deutschland – im Vergleich mit nicht nur der unzivilisierten Welt – materiell so gut geht, dass sie weder Lust noch Zeit für die Rettung der restlichen Welt haben wollen. Ganz im Gegenteil: Was macht ein deutscher Proletarier als Teil einer Minderheit, wenn zum Beispiel auch nur überschaubare Minderheiten von Opfern auch und vor allem deutscher Industriepolitik plötzlich einen Platz an seinem Stammtisch fordern? Richtig! Er steht in der Regel am Straßenrand und skandiert: Ausländer raus!

Das Dilemma der Linken ist ganz einfach, dass sie nach zweihundert Jahren linker Politik ihre Zielgruppe verlieren, das Proletariat.

Das Proletariat ist ein Produkt der ebenfalls vor ungefähr zweihundert Jahren einsetzenden weltweiten Industrialisierung. In den letzten fünfzig Jahren wurde der klassische Arbeiter zunehmend ersetzt durch Maschinen; er wird immer entbehrlicher und dort, wo in der Industrie noch und in anderen Erwerbszweigen überhaupt produktive Arbeitskräfte gebraucht werden, verstehen sich diese Arbeiter nicht mehr als Arbeiter im klassischen, also industriellen Sinne – oder gar im Sinne des Kommunistischen Manifests. Selbst einer der tatsächlich wenigen Bandarbeiter in einer Autofabrik versteht sich eher als Kleinbürger, denn als Arbeiter.

»Das Proletariat (von lateinisch proles ‚die Nachkommenschaft‘) bezeichnete im antiken Rom die gesellschaftliche Schicht der landlosen und lohnabhängigen besitzlosen, aber nicht versklavten Bürger im Stadtstaat, die nicht steuer- und wehrpflichtig waren. Aus dem Lateinischen übernommen, taucht der Begriff im 19. Jahrhundert zuerst in England, später auch in anderen europäischen Ländern auf, wird jedoch erst seit der Französischen Revolution zögernd als Bezeichnung konkret auf den damaligen Vierten Stand (richtiger: auf die unterständischen, keinem der drei Stände angehörigen Schichten) bezogen.« Wikipedia

Wir sehen, kein heutiger Arbeiter würde sich ernsthaft als unterständisch, also als der (faktisch) besitzlosen Unterschicht zugehörig, verstehen. Im Gegenteil: Wo in den Anfängen der Industrialisierung der Arbeiter zu den Ärmsten der Armen gehörte, gehört er heute gerade nicht zur sogenannten Unterschicht, deren »Mitglieder« heute gerade diejenigen sind, welche eben über keine Erwerbsarbeit mehr verfügen oder zumindest nicht in dem Maße, wie es für ein ausreichendes Familieneinkommen erforderlich ist. Insofern ist der heutige Arbeiter diesen Nichtarbeitern gegenüber ebenso privilegiert, wie ein früherer Angehöriger der bürgerlichen Klasse gegenüber dem Arbeiter.

Und wo (Erwerbs-)Arbeit bereits ein Privileg ist, wird ein somit privilegierter Arbeiter kaum der richtige Adressat sein für politische Forderungen nach der Organisation der privileglosen Ärmsten der Armen. Und wo die Ärmsten der Armen erwerbslose »Sozialschmarotzer« sind und damit direkte Konkurrenten des Arbeiters werden, da dieser für sein Geld arbeiten muss, werden klassisch linke (Arbeiter-)Parteien nicht plötzlich eine übergroße Lust verspüren, die Ärmsten der Armen politisch zu vertreten. Dass hier sogar das Gegenteil, nämlich der Kampf gegen die Ärmsten der Armen geführt wird, hat die politische Agenda der SPD bewiesen.

Die klassische Linke hatte durch den Stand der Arbeiter als ehemalige Unterschicht einen damals nicht zu unterschätzenden Vorteil: Die Kampfkraft!

So ein mit einem großen Schraubenschlüssel bewaffneter streikender Arbeiter machte einen starken Eindruck, wenn er Gefahr lief, durch den Verlust seiner Arbeit das Leben seiner Familie zu gefährden. Im Gegenteil dazu wirkt ein mit einem Leistungsbescheid wedelnder Hartz IV-Empfänger eher lächerlich, wenn er damit droht, kein Arbeitslosengeld II mehr zu beantragen. Denn keine Räder stehn mehr still, nur weil sein schwacher Arm es will.

Ja, ja, auch die linken Parteien wollen keine Parteien der politischen Verlierer sein. Und mal im Ernst: Wer glaubt denn solch hoch privilegierten Leuten wie Andrea Nahles und Martin Schulz oder Sarah Wagenknecht und Oskar Lafontaine, dass sie wissen, was das Beste für Hartz IV-Empfänger ist und vor allem, dass sie sich irgendwann einmal bedingungslos für deren zukünftiges Wohlergehen einsetzen und dafür gegebenenfalls sogar auf ihre eigenen Privilegien und die damit verbundenen leistungslosen und horrenden Einkommen verzichten?

»Das Problem mit ›der Linken‹ ist, daß die meisten aus Haß gegen die Reichen Kommunisten geworden sind und nicht aus Liebe zu den Armen.« Mark Twain

Dort, wo persönlicher Reichtum – auch linker Politiker – durch die Armut anderer bedingt wird, wird sich kein Reicher für die Abschaffung seines Reichtums einsetzen. Auch kein linker Reicher. Die Folge wäre nämlich ein linker Politiker, der seinen persönlichen Reichtum für das Wohl anderer opfert und sich arm wählen lässt. Wer will schon arm werden, damit er für den Armen arbeiten kann, dessen zukünftigen Reichtum er garantieren soll? Und so weit ist auch herkömmliches linkes politisches Selbstverständnis selten gegangen.

»Substantielle Teile der Facharbeiter und -angestellten (mittlere Bildung, betriebliche Berufsbildung) verfügen mit Blick auf die eigene Alterssicherung und die Zukunft der Kinder über Wohneigentum und kapitalmarktgedeckte Altersvorsorgeprodukte. Die Entwicklung auf dem Immobilienmarkt wie auf den Kapitalmärkte, insbesondere des Zinsniveau, hat für die durchaus größere Bedeutung und dürfte beobachtet, wahrgenommen und in einem Bild von der eigenen Position in der Gesellschaft verarbeitet werden. Dies gilt unabhängig von der Größe des Vermögens, entscheidend ist allein, welche Rolle es in den Sicherungsstrategien der Haushalte spielt.« Horst Kahrs 2018 in »Daten zu den Vermögensverhältnissen von Arbeitern sowie einfachen und mittleren Angestellten«

Die Lösung des Dilemmas der Linken wäre demnach ihre Abschaffung oder der Einsatz für die tatsächliche Unterschicht, die materiell Armen als Vermögenslose und deshalb sozial Benachteiligten. Selbstverständlich hätte ein solcher Einsatz nur dann einen Sinn und Zweck, wenn er auf politischen Lösungen beruhte, welche die Armut wirklich abzuschaffen geeignet wären. Die Entwicklung solcher Konzepte wird jedoch denen, die vom politischen status quo profitieren, von den Armen kaum abgekauft werden können.

Es ist einfach lebensfern, anzunehmen, dass linke Politiker, welche niemals aus dem Blechnapf fraßen, den Armen den Blechnapf füllen könnten auf der Grundlage von Konzepten zur Vermeidung einer Armut, welche sie selbst nicht kennen.

In diesem Sinne müsste das (neue) Motto der (neuen) politischen Linken lauten:

Arme aller Ländern vereinigt Euch!

Und ab hier ist es zu empfehlen, dass zunächst die jeweils eigene Bevölkerung im eigenen Land angesprochen wird, bevor die Welt gerettet werden kann. Das Ergebnis wäre ein tatsächlich sozialer Neo-Nationalismus als Voraussetzung eines funktionierenden sozialen Neo-Internationalismus. Und ab dieser Erkenntnis steht einfach die Wahl zwischen der Ablehnung eines solchen Nationalismus-Begriffes und somit auch die Ablehnung damit verbundener politischer Lösungen aufgrund des nicht zu bezweifelnden Missbrauchs seiner Begriffsbestandteile in der gerade deutschen Vergangenheit oder einer aktiven Neubesetzung des Begriffes durch politische Lösungen, welche in Deutschland zunächst die auch in Deutschland immer weiter um sich greifende Armut immer größerer Minderheiten beseitigt, um danach gern auch die Welt als Ganzes zu retten.

Wir können nicht auf der einen Seite vom Selbstbestimmungsrecht der Völker und damit der Nationen sprechen und auf der anderen Seite einem Nationalempfinden der Völker eine Absage erteilen, weil es früher missbraucht worden ist und immer noch missbraucht wird. Wer dies als Linker tut, treibt andere in die rechte Ecke und missbraucht das Nationalempfinden ebenso. Wo das Grundgesetz speziell dem deutschen Volk bestimmte – demnach nationale – Grundrechte verleiht, muss der Verzicht auf ein Nationalempfinden zwangsläufig den Verzicht auf diese Grundrechte nach sich ziehen.

Eine solche neo-nationale (Zwischen-)Lösung beinhaltet vor allem die beiden Vorteile, dass zum Einen der dringend nötige Rückhalt für eine wirklich linke Politik im eigenen Lande – hier in Deutschland – wachsen kann, und dass zum Anderen so vermieden werden kann, dass wieder einmal Deutschland sich aufschwingt zu dem gefährlichen Irrtum, das am deutschen Wesen die Welt zu genesen hätte – und das in einem Deutschland, welches seine eigenen sozialen Probleme nicht lösen kann oder nicht zu lösen bereit ist.

Und das linke Politik in Deutschland keine politischen Mehrheiten hat, kann derzeit nicht bezweifelt werden. Die Verantwortung dafür trägt zu einem Großteil die politische Linke selbst, da sie offiziell einen sozialen Nationalismus ablehnt und gleichzeitig auf der nationalen Sicherung ihrer Pfründe beharrt, während sie von einem internationalen Sozialismus schwadroniert und zu Hause nichts ausrichtet; selbst dann nicht, wenn sie an der Regierung beteiligt ist. Die asoziale Hartz IV-Gesetzgebung spricht da Bände. Und selbst die linke Linke hätte alle verfassungsrechtlichen Möglichkeiten in der Hand, um diese Zustände zu ändern. Das Ergebnis? Die Linke solidarisiert sich gern mit anderen Völkern, aber nicht mit dem eigenen Volk.

Gemäß Art. 20 Abs. 1 GG ist die Bundesrepublik Deutschland ein demokratischer und sozialer Bundesstaat, also eine sozialdemokratische Nation. Wer diese durch die Ewigkeitsgarantie des Art. 79 Abs. 3 GG besonders geschützen Grundwerte des Grundgesetzes nicht anerkennt, hat in der Politik nichts verloren und ist, sofern er Bestandteil der öffentlichen Gewalten ist, verfassungswidrig im Amt. Welcher politischen Partei er dabei angehört, ist unerheblich.

Ein also im Sinne des Grundgesetzes verstandener und tatsächlich demokratischer und sozialer Neo-Nationalismus würde demnach keine Trennung der Nationen und deren gegenseitigen Kampf propagieren, sondern sich zuerst auf alle Menschen im eigenen Land beziehen, um so als politisches Beispiel für andere Länder dienen zu können.

Grundlage eines solchen demokratisch-sozialen Neo-Nationalismus in Deutschland wäre demnach nicht die Ableitung aus einem – historisch ohnehin nicht eindeutig definierbaren – Deutschtum bestimmter Bewohner aufgrund ihres mehr oder weniger zufälligen Geburtslandes mit dem Namen Deutschland, sondern aus einer auf dem Grundgesetz beruhenden territorialen Integrität Deutschlands, welche aus verschiedenen historischen Tatsachen entstanden ist und sich auf jeden diesem heutigen Land als zugehörig empfindenden Bewohner anwenden lässt, unabhängig von seiner mit einem Geburtsland verbundenen Nationalität.

Deutschland machte zum letzten Male im Nationalsozialismus den Kardinalfehler der ungefragten und zwangsweisen Entlassung vieler Deutscher aus ihrem Nationalempfinden aufgrund von Merkmalen, welche mit dem Begriff der Nation und dem Empfinden, Deutsche zu sein, überhaupt nichts zu tun hatten und diese im Gegenteil sogar konterkarierten. Insoweit handelte es sich bei dem Nationalsozialismus eben nicht um einen sozialen deutschen Nationalismus, sondern um die bewusste falsche propagandistische Verwendung eines Begriffes mit dem Ziel der schnöden Vernichtung und Vertreibung Deutscher zu einem einzigen Zweck: Der Raub ihres Eigentums zum Wohle von Unmenschen, welche selbst oft nicht einmal im Ansatz den von ihnen propagierten Merkmalen des angeblichen reinrassischen Deutschen entsprachen.

In diesem Sinne gilt es, bei aller Gefahr auch des Missbrauchs der vorstehenden Erläuterungen, gerade die ständig wachsende Minderheit derjenigen, welche – oft aus materieller Not heraus – heute noch oder wieder einem blinden angeblichen Nationalismus anhängen und ausgerechnet denen die Hand reichen, welche ihrer Armut zum eigenen Reichtum bedürfen, dort abzuholen, wo sie sich derzeit befinden: Aus dem Loch der bestehenden oder drohenden Armut mit der Folge des Verlustes dessen, was unser Land ausmacht, nämlich all diejenigen Menschen, welche in und für Deutschland leben wollen und es immer weniger können.

Spätestens, wenn sich der gemeine Ausländerfeind in derselben Armut befindet, wie der von ihm abgelehnte Ausländer, bleiben ihm nur noch zwei Alternativen: Entweder er bekämpft ein weiteres Opfer der Ursachen, welche ihn selbst verarmen lassen, oder er kämpft gegen die Ursachen.

Mach die Armen reich an allem, was sie zum Leben brauchen, und der Reiche wird keine Macht mehr über sie haben.

Dies wäre die Aufgabe einer wirklich linken politischen Bewegung: Eine tatsächliche Vereinigung der Armen und nicht der Ausschluss der Andersdenkenden.

»Die Menschen nehmen verschiedene Wege, um Erfüllung und Glück zu finden. Nur weil sie nicht auf deiner Straße sind, heißt das nicht, dass sie verloren gegangen sind.« Dalai Lama

So, wie die zukünftigen Flüchtlingsströme nicht mit Grenzschutz aufgehalten werden können, ebenso kann eine Armee der Armen nicht durch die Drohung mit Armut aufgehalten werden.

Und erst dann, wenn sich eine (er)neue(erte) politische Linke organisiert hat, kann sie dem politischen status quo gefährlich werden, weil sie nicht von ihm lebt, sondern in der Lage ist, diesem tatsächlich die Systemfrage zu stellen, weil sie  tatsächliche Systemlösungen anzubieten hat. Denn die Furcht der Vertreter der klassischen Thesen von der Dringlichkeit der Unterwerfung der Armen sollte nicht unterschätzt werden:

»Zuerst gewalttätig sein und dann in Furcht vor dem eigenen Volk geraten, das ist der Gipfel der Unfähigkeit.« Sunzi

Eine derartige Erneuerung der politischen Linken kann jedoch niemals von Personen ausgehen, welche vom politischen status quo profitieren.

Vor allem muss jede wirksame politische Änderung des status quo auf dem Boden des Grundgesetzes alle davon Betroffenen einbeziehen. Dies muss in der Konsequenz zur Aufhebung von politischen Richtungen führen, wenn der Anspruch des Grundgesetzes auf eine soziale Demokratie tatsächlich für alle gelten soll, unabhängig von deren politischer Überzeugung.

»»Die Zeit vergeht ungehindert. Wenn wir Fehler machen, können wir die Uhr nicht zurückdrehen und es erneut versuchen. Alles, was wir tun können, ist, die Gegenwart gut zu nutzen.« Dalai Lama