Ist der Dalai Lama gegen Flüchtlinge oder werden besorgte Bürger jetzt mitfühlende Buddhisten?

Seit einigen Tagen überschlagen sich vor allem deutsche »Wahrheitsmedien mit dem Schwerpunkt der Kritik an der deutschen Migrationspolitik« mit der Meldung:

Dalai Lama: Europa gehört den Europäern!

Was sagte der Dalai Lama gemäß der vielen Presseberichte am Mittwoch, den 12.09.2018, auf einer Konferenz im schwedischen Malmö?

Europa sei »moralisch verantwortlich«, wenn es um die Aufnahme eines Flüchtlings gehe, »dessen Leben wirklich in Gefahr ist«, und »Nehmt sie auf, helft ihnen, bildet sie aus. … Aber am Ende müssen sie ihr eigenes Land entwickeln.«.

Und natürlich freuen wir uns, dass der Dalai Lama es mit diesen wenigen Anmerkungen geschafft hat, dass nahezu alle besorgten deutschen Bürger den Worten des Dalai Lama beipflichten.

Die in naher Zukunft eintretenden Folgen dieser Zustimmung lässt hoffen, denn mit ihrer Reaktion beweisen alle besorgten deutschen Bürger, dass sie

a) sich als Europäer verstehen;

b) Europa den Europäern ebenso gehört, wie die Heimatländer der Flüchtlinge den dortigen Völkern;

c) Europa eine moralische Verantwortung hat für die vielen Flüchtlinge;

d) Europa diese Flüchtlinge aufzunehmen und auszubilden hat, damit sie auf diesen Grundlagen ihr eigenes Land entwickeln können.

Zum Thema gibt es ein weiterhin sehr aufschlussreiches Interview der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom Mai 2016¹, welches ebenfalls als Referenz der besorgten Bürger herhalten soll, in dem sich der Dalai Lama wie folgt äußert:

Die Frage: »Wie empfinden Sie die gegenwärtige Flüchtlingskrise in Europa?« beantwortet er wie folgt:

»Wenn wir in das Gesicht jedes einzelnen Flüchtlings schauen, besonders bei den Kindern und Frauen, spüren wir ihr Leid. Ein Mensch, dem es etwas besser geht, hat die Verantwortung, ihnen zu helfen. Andererseits sind es mittlerweile zu viele. Europa, zum Beispiel Deutschland, kann kein arabisches Land werden. Deutschland ist Deutschland. Es sind so viele, dass es in der Praxis schwierig ist. Auch moralisch gesehen finde ich, dass diese Flüchtlinge nur vorübergehend aufgenommen werden sollten. Das Ziel sollte sein, dass sie zurückkehren und beim Wiederaufbau ihrer eigenen Länder mithelfen.«

Seine Bewertung der zunehmend islamfeindliche Stimmung lautet:

»Es sind muslimische Individuen und kleine Gruppen, die sich in ihren eigenen Ländern gegenseitig umbringen. Schiiten, Sunniten. Sie repräsentieren nicht den gesamten Islam und nicht alle Muslime. Die Liebe ist bei jeder Religion die Kernbotschaft, auch im Islam. Bösartige Leute gibt es auch bei den Buddhisten, den Christen, den Juden und den Hindus. Nur aufgrund von einigen traurigen Ereignissen, die von einer kleinen Zahl Muslime ausgehen, sollten wir nicht die gesamte muslimische Welt verurteilen.«

Zur Frage nach der Legitimation für Gewalt sagt er:

»Wenn die Umstände so sind, dass es keine andere Wahl gibt, und Mitgefühl die Motivation ist. Es gibt solche Geschichten in Buddhas eigener Historie. Um 499 Händlern das Leben zu retten, tötete er einen Händler. Er kalkulierte: Die Sünde, eine Person getötet zu haben, kann ich aushalten. Wenn ich es nicht tue, dann wird er 499 töten. Erstens werden so 499 Menschen sterben, zweitens wird er die Sünde tragen, 499 Menschen getötet zu haben. Also entschloss Buddha sich, die Person zu töten. Es sieht aus wie Gewalt. Aber die Motivation ist Mitgefühl. Diese Unterscheidung machen wir also. Theoretisch können wir das zwar erklären, praktisch ist es aber besser, jede Gewalt zu vermeiden. Das ist sicherer. Wie mein Freund George W. Bush: Seine Motivation war sehr aufrichtig. Er wollte Demokratie in den Irak bringen. Eine Person eliminieren. Er benutzte Gewalt. Die Folgen waren negativ. Gewalt ist unberechenbar. Deshalb besser keine Gewalt.«

Der Dalai Lama sagt demnach abschließend:

»Gewalt ist unberechenbar. Deshalb besser keine Gewalt.«

Und selbstverständlich freuen wir uns an dieser Stelle schon jetzt auf die Bekundung des Mitgefühls durch die besorgten Verursacher der nächsten nicht stattfindenen Hetzjagd auf Migranten sowie auf deren Beurteilung, dass diese in ihren Heimatländern keiner erkennbaren Gefahr ausgesetzt wären und die Worte des Dalai Lama demnach für sie nicht zuträfen.

¹ http://www.faz.net/aktuell/politik/dalai-lama-tenzin-gyatso-im-interview-zur-fluechtlingskrise-14260431.html

Diskussionen zum Thema bitte im MIGRATIONSFORUM: https://sozialeunion.de/migrationsforum/